Aargau


Der Kanton Aargau bezeichnet sich selbst als «Kulturkanton». Dies nicht ohne Grund, denn er war einer der ersten Kantone, der mit seinem Kulturgesetz von 1968 die Förderung und Pflege von Kultur als Staatsaufgabe in der Verfassung verankerte. Der Beiname «Kulturkanton» führt ins frühe 19. Jahrhundert zurück, als das besondere Engagement im Kulturbereich begann. Die «Gesellschaft für vaterländliche Kultur», welche im Jahr 1811 im Kanton Aargau gegründet wurde, brachte im Verlaufe der Zeit unterschiedliche kulturelle Vereinigungen und Einrichtungen hervor. So entstand der Nährboden für kulturelle Vereine im städtischen und ländlichen Milieu.

Immaterielles Kulturerbe im neuen Kulturgesetz


Das äusserst reichhaltige Kulturleben, das die breite Förderpolitik der Vergangenheit hervorbrachte, schloss immaterielle Kultur und somit lebendige Traditionen ein. Die Bedeutung dieser Traditionen für den Kanton Aargau wurde im neuen Kulturgesetz von 2010 unterstrichen. Dort ist das immaterielle Kulturerbe als ergänzender Förderbereich des Kantons erstmals explizit genannt und dem Aufgabenbereich des Aargauer Kuratoriums zugewiesen. Im Anschluss wurde ein kulturpolitischer Schwerpunkt auf das immaterielle Kulturerbe gelegt. Davon zeugen Anlässe wie etwa Podiumsgespräche, welche das Forum Schlossplatz im Rahmen der Ausstellung «Hierig – Heutig. Tradition im Aufbruch» 2010 in Aarau realisierte. Ein weiteres Beispiel ist der Projektwettbewerb «zu Tisch», den das Aargauer Kuratorium im Januar 2010 ausgeschrieben hatte. Er sensibilisiert die Kulturschaffenden für lebendige Traditionen als Basis zeitgenössischen Kunstschaffens und veranschaulicht die lebendige Auseinandersetzung mit dem immateriellen Kulturerbe. Ferner machte die Prämierung der Projekte deutlich, dass Elemente des immateriellen Kulturerbes in den unterschiedlichen, bereits bestehenden Sparten des künstlerischen Schaffens vom Aargauer Kuratorium gefördert werden können.

Die neue Gewichtung der aargauischen Kulturpolitik zeigte sich auch an der Durchführung des Projekts «Immaterielles Kulturerbe Aargau-Solothurn. Liste der lebendigen Traditionen». Gemeinsam mit dem Kanton Solothurn wurde in engem Austausch mit der Bevölkerung das immaterielle Kulturerbe erhoben. Die Ergebnisse mündeten in eine bi-kantonale Liste der lebendigen Traditionen. Diese soll zukünftig als Informationsgefäss für Anliegen sowohl von behördlicher als auch privater Seite dienen. Das Thema des immateriellen Kulturerbes wird dadurch auf längere Sicht für die Kulturpolitik der beiden Kantone von Bedeutung sein. Das Projekt und die daraus hervorgehende Publikation stärken das Bewusstsein der Bevölkerung für ihre eigenen Traditionen.

Parallel zum Engagement des Kuratoriums erfolgt die Förderung einer vielfältigen Laienkultur aus Mitteln des Swisslos-Fonds. Einen Schwerpunkt bildet dabei die Förderung des Amateurtheaters in Zusammenarbeit mit Profis. Exponenten aus Theater, Literatur und Musik engagieren sich in und für Laienensembles, wodurch die stark verankerte Theatertradition lebendig und erfolgreich bleibt. In diesem Sinne sollen auch um soziale Komponenten erweiterte Formen des Community-Theaters vermehrt unterstützt werden.

Vielfalt des immateriellen Kulturerbes

Entsprechend der geografischen und historischen Uneinheitlichkeit wartet der Kanton Aargau nicht mit einem ausgesprochenen Brauchtum auf. So gibt es beispielsweise nicht «die Aargauer Tracht» und «das Aargauer Volksfest». Vielmehr macht die Vielfalt und Buntheit den Reiz der lebendigen Traditionen im Kanton Aargau aus. Schaut man sich auf der rund 500 Einträge langen Liste um, findet der Betrachter neben städtischen Traditionen – wie etwa den Jugendfesten in Lenzburg, Aarau, Zofingen und Brugg, dem Aarauer Bachfischet und dem Rheinfelder Brunnensingen – auch ländlich geprägte Traditionen, so beispielsweise die Fruchtbarkeitsbräuche «Eierläset» und «Pfingstsprützlig» sowie Erntedankgottesdienste und -feste. Die Mannigfaltigkeit der lebendigen Traditionen im Kanton Aargau zeigt sich ferner in ihren einerseits sehr privaten, informellen Praxen und andererseits in ihren öffentlichen Ausführungen mit Ausstrahlung in die ganze Deutschschweiz. Während beispielsweise die vier Operettenbühnen in Beinwil am See, Bremgarten, Möriken-Wildegg und Rheinfelden überkantonal Publikum anziehen, spielen sich andere lebendige Traditionen hauptsächlich im kleinen Rahmen ab. So werden beispielsweise mancherorts die Namenstage anstelle der Geburtstage gefeiert, und die Henna-Nacht vor der Heirat gehört zu türkischen Hochzeiten, die im Kanton Aargau zelebriert werden.

Lebendige Traditionen von Menschen mit Migrationshintergrund werden als Bereicherung verstanden und der Austausch zwischen unterschiedlichen ethnischen Gruppen wird geschätzt. Dementsprechend nehmen nicht nur Italiener an der «San Giuseppe-Feier in Laufenburg» teil. Unabhängig von der eigenen Herkunft können sich Schweizer, Portugiesen, Spanier und viele mehr mit der Idee des gegenseitigen Dienens während des San Giuseppe-Tages identifizieren. Das jüdische Kulturerbe, welches im Kanton Aarau eine lange Tradition hat, zählt ebenfalls zu Traditionen, welche das Selbstverständnis des Kantons prägen. Der vom Kanton mitfinanzierte «Jüdische Kulturweg» in Endingen und Lengnau und die seit sechs Jahren durchgeführte «Jüdische Kulturwoche» tragen ihren Teil zum Austausch und Dialog bei.

Auffallend sind die vielen Bräuche, bei denen Jugendliche die Hauptrolle spielen. Als «Chläuse», «Chlauschlöpfer» oder «Stäcklibuebe» treiben sie einerseits Schabernack und tragen andererseits zum Freizeitangebot einzelner Gemeinden bei. Häufig steht ihr Treiben in einem sozialen Dienst. Sowohl die «Sternsinger von Wettingen» als auch die «Chläuse» des «Chlausjagens in Hallwil» spenden das gesammelte respektive erheischte Geld für einen wohltätigen Zweck. Eine lebendige Tradition jüngerer Zeit ist das Open Air «Heitere». Seit 1991 gilt es vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen als Höhepunkt im Kulturjahr. Auch noch jüngere Festivals wie «Festival des Arcs» in Ehrendingen oder «Frischluftkultur Muri» haben sich bereits den Status einer lebendigen Tradition erspielt. Der Vielfalt und Buntheit der lebendigen Traditionen im Kanton Aargau sind keine Grenzen gesetzt. Viele Bräuche teilen die Aargauer und Aargauerinnen schliesslich mit ihren kantonalen Nachbarn. Wie das erwähnte «Eierläset» und die «Stäcklibuebe», verbindet auch die Tradition der «Seidenbandindustrie» und der heutigen industriellen Bandweberei den Kanton Aargau mit den Baselbietern.

Der einstige industrielle Reichtum des Kantons Aargau mit der «Strohflechterei im Freiamt» und der «Tabakindustrie im oberen See- und Wynental» liess einige Traditionen entstehen, die teilweise noch heute lebendig sind und die Verschiedenartigkeit von immateriellem Kulturerbe veranschaulichen. Neben den bereits angeführten, mündlich überlieferten Traditionen und Ausdrucksweisen, den darstellenden Künsten sowie den mehrheitlich gesellschaftlichen Praktiken, Ritualen und Festen bewahren beispielsweise FreiämterInnen das Fachwissen über die traditionelle Handwerkstechnik des «Strohflechtens und –bindens». Der Anbau, Erhalt und die Samengewinnung der «Chüttiger Rüebli» durch den Landfrauenverein in Küttigen als Beispiel für die Praxen im Umgang mit der Natur sind ein weiteres Beispiel, das das grosse Spektrum der lebendigen Traditionen im Kanton Aargau verdeutlichen.

Weitere Informationen

Das immaterielle Kulturerbe in den Kantonen Aargau-Solothurn ist in einer eigenen Liste mit rund 500 lebendigen Traditionen erfasst, die von Trägerschaften selbst, von der breiten Öffentlichkeit und von Gemeinden eingebracht worden sind. Zudem sind auf den Gemeindehomepages häufig unter der Rubrik «Kultur» respektive «Brauchtum» kommunale lebendige Traditionen aufgeführt wie etwa bei Lupfig oder Meisterschwanden.

Die Vorschläge für die Kantone Aargau und Solothurn wurden von Karin Janz, Hans Joerg Zumsteg und André Schluchter in Zusammenarbeit mit einem Ausschuss von vier Mitgliedern der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde erarbeitet. Die Dossiers haben Karin Janz und Kira von Rickenbach verfasst.

Referenzen