Freiburg


Namentlich durch die Medien wird der Kanton Freiburg auch heute noch weitgehend als katholisch-ländliches Biotop wahrgenommen, wo sich das Leben im Rhythmus vieler tief verwurzelter Traditionen abspielt. Dieses Bild erfüllt einerseits die Erwartungen der Touristen und entspricht andererseits wohl auch einer Wirklichkeit, wie sie von den vor 1960 geborenen Generationen noch gelebt wird, während sie für die folgenden Generationen nur noch von symbolischer Bedeutung sein dürfte. Tatsächlich fielen die 1960er-Jahre mit dem industriellen Aufschwung eines bislang nahezu ausschliesslich landwirtschaftlich geprägten Kantons zusammen; mit einer Umkehrung des Migrationsflusses, der ihn zuvor seit dem 18. Jahrhundert immer wieder seiner treibenden Kräfte beraubt hatte; mit dem Umbruch, den das Zweite Vatikanische Konzil der katholischen Kultur Freiburgs brachte; und schliesslich mit den neuen Bildungsmodellen, welche das auf die Gegenreformation zurückgehende Reproduktionssystem der Eliten erschütterte. Scherzhaft, wenn auch nicht ganz unbegründet, bezeichnen gewisse Historiker die 1960er-Jahre daher insbesondere im politischen Sinn als Ende des Ancien Régime in Freiburg.

Als sich der Kanton Ende des 20. Jahrhunderts mit der Definition seiner Kulturpolitik beschäftigte, gab er seinem Willen Ausdruck, diesen Veränderungen Rechnung zu tragen und alle Formen des zeitgenössischen Kulturschaffens zu fördern, wobei hier zwingend auch die traditionellen Aktivitäten und Produktionen als Beitrag zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts einbezogen wurden.

Massnahmen zur Unterstützung der lebendigen Traditionen

Die Umsetzung der Unesco-Konvention auf Bundesebene bot dem Kanton Freiburg die Gelegenheit, seine lebendigen Traditionen zu inventarisieren. Federführend war das Greyerzer Museum in Bulle. Die kantonale Liste des Inventars soll der Öffentlichkeit über Internet zugänglich gemacht werden.
Die Eingaben des Kanton Fribourg für die Liste der lebendigen Traditionen in der Schweiz wurden vom Staatsrat gutgeheissen und an das Bundesamt für Kultur weitergeleitet.

Wie das Konzept weitergeführt werden soll, muss eingehend und umfassend geprüft werden, insbesondere in Bezug auf die regelmässige Aktualisierung des Inventars oder die Zweckmässigkeit einer gesetzlichen Grundlage für Erhaltungs- und Förderungsmassnahmen.

Die vor diesem Inventarisierungsprozess entwickelte kantonale Kulturgesetzgebung ermöglicht allerdings bereits die Unterstützung der lebendigen Traditionen: In Vereinen organisierte Traditionsträger können Jahressubventionen beantragen; Unterstützungsbeiträge stehen unabhängig von der kulturellen Ausdrucksform allen Projekten zur Verfügung, die zur Erneuerung oder Bereicherung der lebendigen Traditionen beitragen; gewisse handwerkliche Fertigkeiten wie die Schindelmacherei erhalten eine besondere finanzielle Unterstützung, und die Sensibilisierung für lebendige Traditionen ist Teil des Lehrplans in den Schulen. Die pädagogische Hochschule Freiburg entwickelt ihrerseits Forschungsarbeiten und gibt didaktische Hilfsmittel für Lehrpersonen und Schüler heraus.

Lebendige Traditionen im Kanton

Die unzähligen Traditionen des Freiburgerlands sind durch einige gemeinsame Grundzüge charakterisiert. Es lassen sich vier Hauptgruppen unterscheiden, die sich teilweise überschneiden, und häufig sogar überlagern. Die erste Gruppe umfasst die Sennenkultur mit den saisonalen Alpauf- und -abzügen: Chalet, Schindeln, Käse, Doppelrahm, Ranz des vaches (Lyoba, Kühreihen), Bredzon (kurzärmlige Sennenjacke), Poya (gemalte Alpaufzüge) und Glockenriemen... Die zweite Gruppe zeugt vom Weiterbestehen eines ausdrucksstarken und populären Katholizismus mit seinen Prozessionen (Fronleichnam, Bittgänge), seiner Heiligenverehrung, seinen Wallfahrten und seinen profanen Fortsetzungen (Essgelage der Bénichon). Die dritte Gruppe umfasst das Chorsingen, künstlerische Hauptausdrucksform in einem Kanton, wo wenig geschrieben wird: Man singt, weil man sich trifft oder man trifft sich, weil man singt; man singt im gemischten Chor, im Männer-, Frauen- oder Kinderchor, ein weltliches oder geistliches, populäres oder gelehrtes, altes oder neues, französisches oder deutsches, lateinisches oder dialektales Repertoire. Und schliesslich vertritt die letzte Gruppe das Interesse an historischen Gedenktagen mit patriotischem und militärischem Hintergrund, das sich in Paraden, Festen und Feiern manifestiert, die wie die «Solennität» von Murten oft mit einer religiösen Note angereichert sind; oder das sich in szenischen Darstellungen mittelalterlicher Prägung niederschlägt, insbesondere rund um die Grafen von Greyerz.

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