Glarus


Jeder Staat feiert seine Feste. Dass eine dieser Feiern gleich den Staat ausmacht, ist an der Glarner Landsgemeinde der Fall. Der Kanton Glarus hält an dieser ursprünglichen Form der politischen Willensäusserung fest, auch wenn das Gemeinwesen dadurch als altmodisch angesehen werden sollte. Die Landsgemeinde wird ja auch nicht für die ganze Welt, sondern von und für die Glarnerinnen und Glarner abgehalten. Die ganze Durchführung kostet den Kanton jährlich rund 125'000 Franken, das ist nicht mehr als vergleichbare Kantone für die Durchführung ihrer Kantonalen Wahlen und Abstimmungen ausgeben.

Das Musikschaffen nimmt in der Kulturpolitik einen besonderen Stellenwert ein. Ohne die Förderung durch den kantonalen Lotteriefonds könnten grössere Aufführungen nur selten stattfinden. Die Vorausleistungen für Organisation und Solisten übersteigen die Vereinsbudgets. Der Kanton Glarus unterstützt daher die Vereine mit namhaften Beiträgen um einerseits musikalische Qualität ins Glarnerland zu holen, andererseits auch lokale Künstler in ihrer Tätigkeit in Orchestern und Chören zu unterstützen. Von der Förderung des Kantons haben namentlich die Musikwoche Braunwald und das Kultur- und Vereinszentrum Holenstein massgeblich profitiert und daraus der Glarner Bevölkerung einige musikalische Highlights geboten.

2008 wurde Anna Göldi vom Regierungrat des Kantons Glarus rehabilitiert und vom Vorwurf der «Vergiftung» freigesprochen. Damit vollzog die Regierung nur, was sich im Bewusstsein der Glarner schon längst festgesetzt hatte: dass das Urteil von 1782 Unrecht war. Man ging sogar noch weiter: Der Landrat beschloss, dass das Urteil von 1782 zukünftig als «Justizmord» bezeichnet werden solle. Die Kanton Glarus ist sich seiner Verwantwortung bewusst. Als zum 225. Todestag der Anna Göldi das Schauspiel «Annas Carnifex» in Mollis aufgeführt wurde, übernahmen der Kantonale Lotteriefonds und eine Stiftung einen grossen Teil der Finanzierung.

Lokale Feste im Jahreslauf

Im Glarnerland gibt es Berge von Traditionen, die nur zum kleinsten Teil im Inventar erfasst werden können. Es handelt es sich um lokale, meist im kirchlichen Kalender verankerte Praktiken. Im Advent findet in den Orten von Glarus das «Klausschellen» statt. Dabei ziehen die Primarschüler um den Nikolaustag am 6. Dezember mit Kuhglocken ausgestattet auf festgelegtem Weg durch die Gassen der Gemeinden und «erbetteln» Süssigkeiten. Die Schüler der obersten Primarschulklasse leiten die Jüngeren an, Erwachsene sind nicht dabei. Im Februar findet in Matt im Sernftal das «Schybefleuge» statt. Ähnlich wie in Tavanasa (GR) werden von den elf- bis 15-jährigen Knaben brennende Birkenscheiben ins Tal geschleudert. Im Glarnerland werden jeweils zum Festtag des Landespatrons am 6. März «Fridlisfüür» entzündet. Früher wurde alles Brennbare von den Schulkindern in der Freizeit aufgetürmt, wobei jede Gemeinde das grösste Feuer haben wollte. Heute werden die Scheiterhaufen mit Unterstützung der Gemeinde errichtet, auch als Garantie dafür, dass die Umweltvorschriften eingehalten werden. Wenn die Feuer entzündet werden, fehlen Mutproben und gemeinsames Rauchen von Zigaretten nicht – ungeachtet des sonst geltenden Schutzalters.

Im Frühling finden die beiden grossen Staatsfeiern statt. Die Näfelser Fahrt im April und die Landsgemeinde Anfang Mai bilden die wichtigsten «Lebendigen Traditionen» des Kantons Glarus. Beide gehen auf das späte Mittelalter und die Konsolidierung des Glarner Staatswesens zurück. Dass die Glarner in der Schlacht bei Näfels 1388 ihre «Landsgemeindedemokratie» verteidigt haben sollen, ist mittlerweile revidiert. Das schmälert weder die Bedeutung der Fahrt als Staatsakt und Schlachtengedenken noch die ursprüngliche Funktion der Landsgemeinde als Gerichtsort und Element der Einschwörung auf die oligarchisch geprägte Herrschaftsform. Im 19. Jahrhundert wurden Fahrt und Landsgemeinde durch neue Bedeutungen sogar noch gestärkt: Die gemeinsame Fahrt von Katholiken und Reformierten ab 1836 zeigt den Willen der Glarner zur Überwindung der konfessionellen Spaltung des Kantons (1623-1837), und die neue, liberale Verfassung von 1837 hielt an der Landsgemeinde als verfassungsgebende Institution und höchster politischer Autorität des Landes fest, während sie in Schwyz 1830 abgeschafft worden war.

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