St. Gallen


Der aufgrund der napoleonischen Mediationsakte 1803 gegründete Kanton St. Gallen vereinigte zwölf historische Landschaften, unterschiedlich in Geschichte, Lebens- und Wirtschaftsformen. Im nördlichen Hügelland, im Rheintal und am Zürichsee betrieb man Ackerbau, daneben Heimarbeit für die städtische Textilwirtschaft, im Rheintal auch Rebbau. Im oberen Toggenburg und in den Südgebieten herrschte alpine Vieh- und Milchwirtschaft vor. Die daraus entstandene Vielfalt an Traditionen wurde geprägt und vermehrt durch religiös-konfessionelle Einflüsse und Rituale, wie Bräuche des Kirchenjahrs oder Prozessionen. Grosse Bedeutung erlangten die ländliche Wand- und Möbelmalerei des Barock, in der Musik die pietistische Toggenburger Hausorgel-Tradition und die sowohl im kirchlichen als auch im profanen Bereich wirkenden Streichmusikensembles.

Gesellschaftlicher und kultureller Wandel

Der Übergang der Landwirtschaft vom Ackerbau zur Graswirtschaft im 19. Jahrhundert, das Aufblühen der Stickerei-Industrie und kirchliche Reformen verdrängten viele Traditionen, vor allem im Norden. Städtische Lebensformen und Kleidung traten an Stelle von Trachten und alten profanen und religiösen Bräuchen. Viele örtliche Streichmusik-Ensembles verloren mit der cäcilianischen Kirchenmusikreform ihre liturgischen Aufgaben. Ihre Tradition lebt im oberen Toggenburg und in Appenzell weiter.

Unter dem Namen «KlangWelt Toggenburg» werden seit 2003 Aktivitäten und Angebote zusammengefasst, welche die wichtigsten Formen der Musikkultur zwischen Säntis und Churfirsten in der Ostschweiz vermitteln: den Naturjodel, den Alpsegen, die Schellen als Elemente der Alpkultur und das Hackbrett als naturtöniges Saiteninstrument in der Tanzmusik.

Zum bäuerlichen Herkommen gehören unter anderem die Alpaufzüge, der Alpsegen, die traditionellen Vieh- und Jahrmärkte und als Rheintaler Besonderheit das Rheinholzen. Die meisten Fasnachtsbräuche wurden ursprünglich von Knabenschaften ausgeübt und überliefert. Dazu gehören auch die Sarganserländer Fasnachts- und Maskentradition sowie die Röllelibutzen in Altstätten. Der Ragazer Maibär ist wie das Oberrieter Eierlesen ein Fruchtbarkeitsbrauch. Um den Funkensonntag und zum Jahresende leben vielfältige Feuer- und Lichterbräuche fort, wie die Kaltbrunner Kläuse oder die Flawiler Lägelisnacht.

Auch neue Traditionen sind entstanden. Mit der zur Tradition gewordenen Stickerei kann sich – wie mit der St. Galler Bratwurst – der ganze Kanton identifizieren. Das St.Galler Kinderfest ist eine Form der bürgerlichen Festkultur des 19. Jahrhunderts, wie auch die Schützen- oder Musikfeste. Zum 20. Jahrhundert gehören die OLMA-Tradition, ursprünglich der Jahrmarkt um den Gallustag (16.Oktober), sowie das St.Galler Open-Air.

Referenzen

Publikationen
  • Sales Huber: Vom Brauchtum im Kanton St.Gallen. In: Der Kanton St.Gallen – Landschaft, Gemeinschaft, Heimat. Ed. Amt für Kulturpflege. St. Gallen, 1984/1995, p. 459-474

  • Alois Senti: Das Land in Fest und Brauch. In: Sarganserland 1483–1983. Ed. Sarganser Talgemeinschaft. Mels, 1983, p. 233-290

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