Thurgau


Der Thurgau mit seinen rund 250'000 Einwohnern präsentiert sich gern als landwirtschaftlich geprägter Landkanton, in dem die Obstproduktion präsenter ist als die volkswirtschaftlich wesentlich gewichtigeren Bereiche Maschinen- und Metallindustrie, Baugewerbe, Nahrungsmittel- und Kunststoffindustrie. Die Bezeichnung «Mostindien» wird keineswegs als despektierlich empfunden, sondern mit dem Apfel im Logo sogar für die Standortförderung genutzt.

Kulturpflege und -förderung

Geographisch, demographisch und kulturell ist der Kanton Thurgau ein heterogenes Gebiet. Es fehlt ein urbanes Zentrum. Die Regionen richten sich wirtschaftlich und kulturell auf die Nachbarstädte St. Gallen, Wil, Winterthur-Zürich, Schaffhausen und Konstanz aus und nicht auf die Hauptstadt Frauenfeld. Die Thurgauer Identität definiert sich eher durch Abgrenzung nach aussen als durch unbestrittene Gemeinsamkeiten, ist aber stärker, als es scheint. Die Kantonshauptstadt Frauenfeld ist zwar Sitz der Regierung und der Verwaltung. Das Kantonsparlament ist seit 1831 jedoch nur im Sommerhalbjahr im Frauenfelder Rathaus zu Gast, im Winterhalbjahr tagt es in Weinfelden, in der Mitte des Kantons – auch eine Form einer lebendigen Tradition.

Die traditionelle Vereinskultur mit den vielen Blasmusikvereinen, Chören und verschiedenartigen Kulturvereinen prägt das kulturelle Leben im Kanton seit dem 19. Jahrhundert, als auch der kantonale Schützenverein von Louis Napoleon, dem späteren Kaiser Napoleon III. (er ist auf Schloss Arenenberg im Thurgau aufgewachsen) gegründet wurde. Allerdings nimmt die Bedeutung der Vereine allmählich ab und die Bedeutung urbanerer Kulturformen mehr und mehr zu. Nach wie vor wird aber die Mehrzahl der vielen Musik-, Tanz-, Theater-, Literatur- oder Kunst-Veranstaltungen in ehrenamtlicher Vereinsarbeit organisiert.

Mit sechs kantonalen Museen (Kunstmuseum Thurgau, Ittinger Museum, Historisches Museum Thurgau, Napoleonmuseum Arenenberg, Naturmuseum Thurgau und Museum für Archäologie in Frauenfeld), der Kantonsbibliothek und dem Staatsarchiv betreibt der Kanton die meisten professionellen Kultureinrichtungen selber.

Im Thurgau gibt es kein ständiges, professionelles Orchester und mit dem «Theater Bilitz» im Theaterhaus in Weinfelden nur ein kleineres, permanentes Theaterensemble mit festem Haus. Der Kanton beteiligt sich aber über den interkantonalen Kulturlastenausgleich am Theater St.Gallen und bezahlt freiwillige Produktionsbeiträge ans Theater Konstanz. Beide Theater in der unmittelbaren Nachbarschaft werden und wurden schon immer jährlich von mehreren Tausend Thurgauerinnen und Thurgauern besucht und gehören damit zum kulturellen Grundangebot.

Grossen Stellenwert im Kanton Thurgau geniesst die Kulturpflege. Historische Bauten, intakte Ortsbilder und die Auseinandersetzung mit Geschichte und Tradition in den verschiedenen kantonalen, regionalen und privaten Museen und Sammlungen sowie im Staatsarchiv und im Historischen Verein tragen zur Identitätsstiftung ebenso bei wie zur Standortattraktivität und zur Tourismusförderung.

Die Kulturpolitik des Kantons Thurgau stützt sich auf den Kulturartikel §75 der Kantonsverfassung, auf das Gesetz über die Kulturförderung und Kulturpflege vom 4. Juli 1993 sowie auf das kantonale Kulturkonzept. Die Aufgaben der kantonalen Kulturförderung werden von zwei verschiedenen Stellen ausgeführt: dem kantonalen Kulturamt sowie der unabhängigen Kulturstiftung des Kantons Thurgau. Gefördert werden die verschiedensten Formen kultureller Aktivitäten, von der sogenannten Volkskultur bis zu zeitgenössischen Ausdrucksformen künstlerischen Schaffens. Beiträge für die Kulturförderung des Kantons wie auch der Kulturstiftung werden primär aus Mitteln des Lotteriefonds alimentiert.

Das immaterielle Kulturerbe im Kanton

Entsprechend der geographischen und historischen Heterogenität ist das überlieferte Brauchtum im Thurgau vor allem von verschiedenen lokalen lebendigen Traditionen geprägt. Dazu gehören nebst der «Groppenfasnacht» in Ermatingen, dem «Bechtelistag» in Frauenfeld oder der «Bochselnacht» in Weinfelden viele lokale Lichter-, Funken-, Fasnachts- oder Winterbräuche.

Eine den Alltag prägende Besonderheit im Thurgau ist seit der Reformation aber auch das paritätische Nebeneinander der beiden grossen christlichen Konfessionen, das sogenannte «Simultaneum»: An vielen Orten benutzten oder benutzen noch immer Reformierte und Katholiken die gleiche Kirche und den gleichen Friedhof, auch wenn sie sich gleichzeitig klar voneinander abgrenzen.

Als eine der kantonsweit bekanntesten und herausragendsten Traditionen kann das «Thurgauer Lied» genannt werden, eine eigentliche Kantonshymne aus dem 19. Jahrhundert, bei der man aufsteht beim Singen. «Oh Thurgau, du Heimat, wie bist du so schön…» wird an fast jedem offiziellen Anlass angestimmt, und lange Zeit wurde das Lied fast wöchentlich im Radio DRS Wunschkonzert gespielt.

Auf eine gewisse Tradition kann auch die «Operette Sirnach» zurückblicken. Seit 1935 produzieren die Theatergesellschaft Sirnach und der Operettenchor Sirnach alle drei Jahre eine Operetten-Inszenierung, die jeweils viele Tausend Besucherinnen und Besucher aus der halben Schweiz anzulocken vermag.

Als noch junge, aber umso lebendigere Tradition mit grosser Ausstrahlung darf das «Frauenfelder Open Air» verstanden werden, welches seit 1985 vor allem für die jüngere Generation jedes Jahr zum Highlight wird. Auch kleinere Open Airs haben Tradition im Thurgau. So zählt jenes von Bischofszell seit 1971 zu den ältesten dieser Veranstaltungen in der Schweiz.

Jeden Frühling seit mehreren Jahrzehnten findet das «Flossrennen auf der Sitter und der Thur» statt. Zwischen Degenau und Kradolf messen sich kleinere Gruppen mit ihren thematisch gestalteten Flossen, die sie für diesen Anlass aufwendig hergestellt haben, um Originalität, Durchhaltevermögen und Spass am Mitmachen – vergleichbar einem Fasnachtsumzug.

Im Sommer und im Herbst ist die Festkultur von grosser Bedeutung. Seit rund 60 Jahren bildet beispielsweise das «Seenachtfest» in Kreuzlingen und Konstanz einen länderübergreifenden Höhepunkt der Sommersaison. Auch die Thurgauer Gewerbemesse «Wega» in Weinfelden ist im Herbst für viele Leute aus der Region ein besonderer Anlass, der nicht verpasst werden will.

Ein äusserst seltener, traditioneller Anlass im Winter ist die Eisprozession über den Bodensee von Münsterlingen nach Hagnau. Bei jeder Seegfrörni wird eine Holzbüste des Evangelisten Johannes über das Eis getragen und bei der nächsten Seegfrörni wieder zurück. Seit der letzten Seegfrörni 1963 steht die Büste nun in der Pfarrkirche des ehemaligen Benediktinerklosters in Münsterlingen und wartet auf ihre Rückkehr nach Hagnau.

Eine mündlich-sprachliche Tradition manifestiert sich bis heute in der sogenannten «Beggeli-Grenze», die von Süden nach Norden mitten durch den Thurgau verläuft: östlich regiert das Doppel-G – man sagt «Beggeli» oder «Agger» – westlich das CK, also «Beckeli» und «Acker».

Referenzen