Wallis


Die Herstellung eines Gleichgewichts zwischen der langfristigen Erhaltung der Ressourcen einerseits und deren optimaler Nutzung anderseits ist ein Grundanliegen der heutigen Welt. Unter dem Begriff der Nachhaltigkeit hat es Eingang in den modernen Sprachgebrauch gefunden. Das Wallis kennt seit Jahrhunderten eine Einrichtung, die diesem Anliegen nachlebt. Mit den Geteilschaften hat sich hier ein System entwickelt, das der kollektiven Verwaltung und Nutzung gemeinsamer Güter wie Wasser, Alpweiden oder Wald dient.

Altes und Neues im Umgang mit der Natur

Die sich abzeichnenden Nutzungskonflikte und Ressourcenknappheiten machen das Walliser Geteilschaftswesen zu einem Traditionsgut mit Zukunftspotenzial. Gleichzeitig leben wir in einer Zeit, da Traditionen neu entstehen und alte Bräuche innovativ interpretiert werden. Vielleicht am deutlichsten sichtbar wird dieses neue Interesse an traditionalen Brauchformen am Beispiel der Eringer Kuh; ist doch das Phänomen der Kuhkämpfe in jüngster Zeit zum Inbegriff des Echten und Typischen im Wallis geworden. «Le Valais tout entier est dans la race d'Hérens», schrieb bereits vor Jahren der Schriftsteller Maurice Chappaz. In einem von Tourismus, Medienspektakel und Agrar-Hightech geprägten Umfeld befriedigt der Kuhkampf neue Bedürfnisse, seine Multifunktionalität hat zugenommen.

Diese Multifunktionalität liegt nicht zuletzt in symbolischen und sozialen Werten wie Traditionstreue, Freude am gemeinsamen Tun, Stolz, über etwas Besonderes zu verfügen... Aus ähnlichen Bedürfnissen heraus erfreuen sich auch andere bäuerliche Praktiken wie der Roggenanbau und das gemeinsame Backen von Roggenbrot in jüngster Zeit an vielen Orten des Wallis neuer Beliebtheit. Noch stärker in ökonomische Kreisläufe eingebettet ist demgegenüber das Sammeln von Wildpflanzen. Dank initiativer Genossenschaften wird hier altes Wissen in Kombination mit neuen wissenschaftlichen Methoden für industrielle Zwecke nutzbar gemacht.

Historische, wirtschaftliche und topografische Gegebenheiten haben im Wallis besondere Praktiken und Kompetenzen im Umgang mit der alpinen Natur entstehen lassen. Geradezu exemplarisch steht dafür der Umgang mit der Lawinengefahr. In der vorindustriellen Gesellschaft fand dieses Erfahrungswissen seinen Niederschlag unter anderem in der Siedlungsstruktur sowie in religiösen Praktiken wie dem Votivwesen. Zudem kannte auch das frühere Wallis Einrichtungen zur Bewältigung der Lawinengefahr und ihrer Folgen wie etwa das Hospiz auf dem Grossen Sankt Bernhard mit dem Bernhardinerhund als dem Inbegriff des alpinen Rettungswesens. Im Verlaufe des 20. Jahrhunderts sind vermehrt Methoden aktiver Prävention entwickelt worden. Und mit dem Aufbau fachspezifischer Institutionen hat der Umgang mit der Lawinengefahr in jüngster Zeit im Wallis auch wissenschaftlich neue Wege beschritten.

Belebte Rituale

Der Lebenswelt Gestalt und Ordnung zu verleihen, ist das ästhetische Grundanliegen einer jeden Gesellschaft. Im Wallis hat dieses Bemühen seine höchste Ausformung zweifellos im Bereich des Sakralen gefunden. Der dem Katholizismus eigene Hang nach äusserer Kundgebung der religiösen Gefühle entwickelte einen reichen rituellen Formenreichtum. Dieser hat sich heute fast nur mehr im Beerdigungsbrauchtum lebendig erhalten. Denn mit dem Bedeutungsschwund der Kirche sind die öffentlichen «Manifestationen des Jenseits im Diesseits» grossenteils verschwunden. Diejenigen Bräuche jedoch, die überlebten, erfuhren in jüngster Zeit eine Aufwertung, indem ihnen nun als lokales Kulturgut neue Funktionen zukommen. So stellen beispielsweise die Prozessionen an Fronleichnam an zahlreichen Orten des Wallis nach wie vor Höhepunkte im lokalen Festleben dar. Mit ihren ritualisierten Bewegungsabläufen, dem Auftritt kostümierter Gruppen und der akustischen Begleitung mit Blasmusik, Tambouren und Chorgesängen kommen diese Prozessionen einer Art Schauspiel gleich. Dadurch entwickeln sie eine starke Faszination nach aussen. Und nach innen vermögen sie noch immer eine gewisse integrative Kraft auszuüben.

Eine Fronleichnamsprozession bildet gewissermassen die traditionelle dörfliche Ordnung ab. Diese Ordnung rituell auf den Kopf zu stellen, ist seit jeher das Privileg der Jugend – wenn auch nur einmal im Jahr, anlässlich der Fastnacht im Februar. Von der Vielfalt der früheren Fastnacht vermochten sich nur wenige Figuren in die Gegenwart zu retten; so etwa die «Empaillés» und «Pelluches» in Evolène oder die «Tschäggättä» im Lötschental. Letztere haben sich im Wechselspiel zwischen Brauchträgern und Publikumserwartungen einen festen Platz in der nach Authentizität und regionaler Typik suchenden Postmoderne gesichert. Doch geprägt wird das Bild der Fastnacht heute auch im Wallis von städtischen Fastnachtsformen wie «Guggenmusiken» und organisierten Umzügen. Gerade dies zeugt von der Dynamik dessen, was wir gemeinhin als Tradition bezeichnen. Dank ihren zeitgemässen Ausdrucksformen scheint die Fastnacht den Bedürfnissen der heutigen Gesellschaft so gut wie kaum ein anderer Brauch zu entsprechen.

Eine ganz andere Entwicklung kennt die Figur des wilden Mannes, «ts wild Mandji». Dabei handelt es sich ursprünglich um einen Rügebrauch, der sich im Laufe der Jahrhunderte zu einer theatralen Darstellung entwickelt hat. Im Oberwallis erfreuten sich die Wildmann-Spiele im 19. und 20. Jahrhundert an zahlreichen Orten grosser Beliebtheit. Heute wird die Tradition noch in Baltschieder weitergeführt. Dabei schreiben wechselnde Autoren einen jeweils neuen Text für die Aufführung, wodurch sich eine ständige Anpassung des Brauches an die jeweilige gesellschaftliche Situation ergibt. Baltschieder und Ts wild Mandji werden so zum klassischen Beispiel für die Aneignung und Veränderung lebendiger Tradition.

Verankert in der Bevölkerung

Die mediatisierten Traditionen und die festlichen Höhepunkte im Jahreslauf sind das eine. Doch ebenso stark prägen den Walliser Brauchkalender all jene lokalen und regionalen Festanlässe, die von Mai bis Oktober im Rhythmus der Wochenenden über die Bühne gehen: Musikfeste, Dorffeste, Alpfeste, Folkloreanlässe… Eine ganz besondere Note zu diesem Festwesen tragen die Tambouren und Pfeifer bei. Mit ihren unverkennbaren Weisen und den markanten Uniformen und Kostümen bilden sie eine Art akustisches und visuelles Emblem des Wallis. Gleichzeitig stehen sie für die Grundmotivation der Folklore im Wallis, die trotz des touristischen Umfeldes nach wie vor in der aktiven Teilnahme der Brauchträger, ihrer Lust am Theatralischen und dem Bedürfnis nach dem gemeinsamen Erlebnis liegt.

Lange vor den Tambouren und Pfeifern hat sich mit Champéry 1830 Ende des 19. Jahrhunderts eine der ersten Folkloregruppen des Wallis formiert. Doch ähnlich wie erstere gehen die Weisen und Tänze von «Champéry 1830» auf die Tradition der fremden Dienste zurück, die im Wallis das Brauchtum in vielfacher Weise geprägt haben. Im Laufe der Jahrzehnte erfuhr das mündlich überlieferte musikalische Traditionsgut Bearbeitungen durch lokale Komponisten, was seine Verankerung in der Bevölkerung zusätzlich förderte. Exemplarisch zum Ausdruck kommt dies im Lied «Abschied vom Gantertal», welches zum Inbegriff des Oberwalliser Volkslieds geworden ist. Ebenfalls auf mündlicher Überlieferung beruht der «Patois» im französischsprachigen Wallis. Dieser franko-provenzalische Dialekt wird zwar im heutigen Alltag nur mehr vereinzelt gesprochen. Doch erfährt er seit einiger Zeit in Form von Theateraufführungen, Erzählungen und andern Inszenierungsformen eine deutliche Aufwertung.

Neben den mediatisierten Grossereignissen gilt es auch all die weniger bekannten lokalen Traditionen nicht zu vergessen, die den Walliser Brauchkalender rhythmisieren. So etwa die Spenden von Brot, Käse oder Wein, die an zahlreichen Orten anlässlich von Patronatsfesten, am Dreikönigsfest, an Ostern, Pfingsten, Allerseelen oder andern kirchlichen Anlässen stattfinden. Oder die sommerlichen Alpfeste, die die Raclette zelebrieren, und die herbstlichen Dorffeste, die landwirtschaftlichen Produkten wie Wein, Aprikose oder Kastanie gewidmet sind.

Doch die Identität einer Gesellschaft formt sich nicht nur über tradierte Manifestationen wie Brauchtum und Folklore. Vielmehr bedarf jede Gesellschaft für ihre Entwicklung des Austauschs von Erfahrungen, Gütern und Menschen. Exemplarisch sichtbar wird dies im prägenden Einfluss der italienischen Zuwanderer auf Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft des Wallis. Die Italianità ist deshalb im Laufe der Jahrhunderte zu einem festen Bestandteil der Walliser Identität geworden.

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